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Grundlagen

Bedrohungsmodell und Vertrauensmodell

Wenn man über Anonymität nachdenkt, gibt es etwas, das man zuerst festlegen muss.

Das ist die Frage: „Vor wem will ich was schützen?“

Es ist nicht realistisch, alle Informationen vor allen Gegenübern vollständig zu verbergen. Außerdem unterscheiden sich die nötigen Maßnahmen von Person zu Person.

Bei Privatpersonen, Journalisten, Whistleblowern, Aktivisten und Verantwortlichen in Unternehmen unterscheiden sich sowohl die zu schützenden Dinge als auch die angenommenen Gegenüber.

Die Denkweise, mit der diese Voraussetzung geordnet wird, ist das Bedrohungsmodell. Die Denkweise, mit der geordnet wird, welchen Diensten oder Gegenübern man vertraut, ist das Vertrauensmodell.

Dieser Artikel ordnet Bedrohungsmodell und Vertrauensmodell als Voraussetzung für das Nachdenken über Anonymität.

Was ist ein Bedrohungsmodell?

Ein Bedrohungsmodell ist eine Denkweise, mit der man ordnet, wer worauf abzielt und durch welche Mittel ein Risiko entsteht.

Bei Anonymität beginnt man mit Fragen wie diesen.

  • Vor wem will man sich schützen?
  • Was soll nicht bekannt werden?
  • Welche Informationen dürfen nicht miteinander verbunden werden?
  • Über welche Fähigkeiten verfügt das Gegenüber?
  • Wie viel Risiko kann man akzeptieren?

Wenn man zum Beispiel nicht möchte, dass Freunde ein Zweitkonto kennen, braucht man völlig andere Maßnahmen als beim Schutz einer Quelle vor einer Organisation mit starken Befugnissen.

Wenn man Maßnahmen auswählt, ohne ein Bedrohungsmodell zu erstellen, tut man entweder unnötig komplizierte Dinge oder übersieht umgekehrt wichtige Risiken.

Festlegen, was geschützt werden soll

Zuerst überlegt man, was geschützt werden soll.

Das Schutzobjekt bei Anonymität ist nicht nur der echte Name.

Was geschützt werden sollBeispiel
Echter NameName, Gesicht, Ausweis, Klarnamenkonto
ZugehörigkeitArbeitsplatz, Schule, Organisation, Abteilung
Gewohnte OrteAdresse, Pendelbereich, häufig besuchte Orte
Quellen und BeteiligteInformanten, Mitwirkende, Mitstreiter
AktivitätsinhaltBeiträge, Recherchen, Hinweise, Browserverlauf
KommunikationswegIP-Adresse, DNS, Verbindungsziel, Kommunikationszeit

Nur zu sagen: „Ich möchte anonym bleiben“, reicht nicht. Man muss konkret darüber nachdenken, welche Dinge problematisch wären, wenn sie miteinander verbunden werden.

Festlegen, vor wem man sich schützen will

Als Nächstes betrachtet man das Gegenüber.

Bei Anonymität unterscheiden sich je nach Gegenüber die sichtbaren Informationen und die verfügbaren Mittel.

GegenüberMöglicherweise sichtbare InformationenHinweis
Ziel-WebsiteIP-Adresse, , Anmeldestatus, AnfrageinhaltLogs und Kontoinformationen auf Seiten der Website sind relevant
ISP oder KommunikationsanbieterVerbindungszeit, Ziel-IP, Datenvolumen usw.HTTPS-Inhalte sind schwerer lesbar, aber Metadaten können verbleiben
-AnbieterInformationen zu Verbindungen der VPN-NutzerBei VPN-Nutzung verlagert sich die Vertrauensstelle zum VPN-Anbieter
Andere Nutzer im selben Wi-FiUnverschlüsselte Kommunikation, VerbindungszustandBesonders bei öffentlichem Wi-Fi ist Vorsicht nötig
Arbeitsplatz oder SchuleGerät, Netzwerk, Logs, VerwaltungssystemeVerwaltungskompetenzen können stark sein
Untersuchende oder DritteÖffentliche Informationen, Beiträge, Bilder, frühere KontenKorrelation durch OSINT ist möglich

Wenn man das Gegenüber festlegt, werden die nötigen Maßnahmen leichter sichtbar.

Die Fähigkeiten des Gegenübers einschätzen

Wichtig ist nicht nur, wer das Gegenüber ist, sondern auch, welche Fähigkeiten es hat.

Sucht ein Freund nur in sozialen Netzwerken? Kann ein Dienstbetreiber Zugriffslogs einsehen? Kann ein Administrator am Arbeitsplatz oder in der Schule Netzwerklogs einsehen? Kann eine staatliche Stelle von Kommunikationsanbietern die Offenlegung von Aufzeichnungen verlangen?

Wenn sich die Fähigkeiten unterscheiden, unterscheiden sich auch die nötigen Maßnahmen.

FähigkeitWas möglich sein kann
Suche in öffentlichen InformationenBenutzernamen, Bilder und frühere Beiträge suchen
Prüfung dienstinterner LogsIP-Adressen, Login-Verlauf und Bedienverlauf ansehen
NetzwerkverwaltungVerbindungsziele, Datenvolumen und DNS-Anfragen sehen
GeräteverwaltungBrowserverlauf, installierte Apps und Dateien sehen
Rechtliche BefugnisseVon Anbietern die Offenlegung von Aufzeichnungen verlangen

Wenn man bei allen Gegenübern die höchsten Fähigkeiten annimmt, wird realistisches Handeln schwierig. Andererseits ist es gefährlich, die Fähigkeiten des Gegenübers zu niedrig einzuschätzen.

Man muss im Einklang mit dem Zweck in einem realistischen Rahmen denken.

Was ist ein Vertrauensmodell?

Ein Vertrauensmodell ist eine Denkweise, mit der man ordnet, wem man vertraut und wem man nicht vertraut, wenn man einen Mechanismus nutzt.

Wenn man Anonymitätswerkzeuge nutzt, ändert sich, wer Informationen sehen kann. Die sichtbaren Informationen verschwinden nicht, sondern verlagern sich manchmal zu einem anderen Gegenüber.

Wenn man zum Beispiel ein VPN verwendet, wird die eigene Heim-IP für die Ziel-Website möglicherweise schwerer sichtbar. Der VPN-Anbieter kann jedoch Informationen zur Kommunikation der Nutzer sehen.

Wenn man verwendet, sieht das Ziel möglicherweise einen Tor-Exit-Node. Bei falscher Tor-Nutzung kann jedoch eine Verbindung über Anmeldestatus oder Browserinformationen entstehen.

MethodeVertrautes Gegenüber oder vertrauter MechanismusHinweis
Normale VerbindungISP, ZieldienstDie IP von Zuhause oder Arbeitsplatz kann sichtbar sein
VPNVPN-AnbieterMan muss Log-Richtlinie und Betrieb des VPN-Anbieters vertrauen
TorDesign des Tor-Netzwerks, Nutzung des Tor BrowserBei falscher Nutzung bleiben andere Hinweise zurück
Öffentliches Wi-FiWi-Fi-Betreiber, Umgebung der EinrichtungVerbindung mit lokalen Logs oder Überwachungskameras ist möglich
Cloud-DienstDienstbetreiberKonto, Logs und gespeicherte Daten sind relevant

Wenn man über Anonymität nachdenkt, muss man nicht nur fragen: „Ist dieses Werkzeug sicher?“, sondern auch: „Auf wessen Vertrauen ist dieses Design aufgebaut?“

Ohne Bedrohungsmodell geraten Maßnahmen vom Ziel weg

Ohne Bedrohungsmodell entfernen sich Maßnahmen leicht vom eigentlichen Zweck.

Wenn man zum Beispiel nur verhindern will, dass die Ziel-Website die eigene Heim-IP sieht, kann ein VPN ausreichen. Wenn man den VPN-Anbieter jedoch als Gegenüber betrachtet, dem man nicht vertrauen kann, passt ein VPN allein vielleicht nicht zum Zweck.

Wenn man ein Klarnamenkonto und ein anonymes Konto nicht miteinander verbinden will, können Cookie, Anmeldestatus, Browsertrennung, Schreibstil und Posting-Zeit wichtiger sein als der Kommunikationsweg.

Wenn ein Whistleblower organisationsinterne Unterlagen behandelt, sind nicht nur Netzwerkwege wichtig, sondern auch Dokumentmetadaten, Zugriffsrechte, Verteilungsverlauf und die Vertrauenswürdigkeit der Beratungsstelle.

Maßnahmen ändern sich je nachdem, was geschützt werden soll und wer das Gegenüber ist.

In Risikostufen denken

Ein Bedrohungsmodell ist nicht dafür da, jedes Mal die größtmögliche Gefahr anzunehmen.

Risiko hat Stufen. Wer unter einem Zweitnamen über ein Hobby posten möchte, und wer Missstände am Arbeitsplatz meldet, verwenden zwar beide das Wort Anonymität, benötigen aber unterschiedliche Vorbereitungen.

SituationHauptgegenüberWichtige Maßnahmen
Niedrigriskantes Posten unter ZweitnamenBekannte, suchende DritteWiederverwendung von Benutzernamen, Schreibstil und Bildern vermeiden
Beratung, die am Arbeitsplatz nicht bekannt werden sollPersonen aus dem Arbeitsplatz, DienstbetreiberArbeitsgerät vermeiden, Inhalt und Zeit verallgemeinern
QuellenschutzBetroffene Organisationen, UntersuchendeKontaktweg, Unterlagen und Rückschlüsse aus Veröffentlichungen betrachten
WhistleblowingOrganisation, Gegenüber mit rechtlichen BefugnissenDokumentmetadaten, Zugriffsverlauf und Einreichungsziel sorgfältig behandeln
Informationszugang unter ZensurISP, staatliche Stellen, DienstbetreiberKommunikationsweg, Gerät und reale Sicherheit getrennt betrachten

Je höher das Risiko ist, desto wichtiger wird es, nicht allein anhand eines Artikels zu entscheiden.

Auch die Entscheidung, vertrauenswürdige Beratungsstellen wie Anwälte, Unterstützungsorganisationen oder Sicherheitsverantwortliche in Redaktionen zu nutzen, ist Teil des Bedrohungsmodells.

Ein einfaches Bedrohungsmodell für den Anfang

Man muss nicht von Anfang an ein kompliziertes Bedrohungsmodell erstellen.

Zunächst reicht es, die folgende Tabelle auszufüllen.

FrageBeispiel
Was soll geschützt werden?Echter Name, Arbeitsplatz, Quelle, gewohnte Orte, anonymes Konto
Vor wem soll geschützt werden?Ziel-Website, Arbeitsplatz, Schule, Dritte, staatliche Stellen
Was wäre problematisch, wenn es verbunden wird?Klarnamenkonto und anonymer Beitrag, IP und Posting-Zeit, Dokument und Ersteller
Was kann das Gegenüber sehen?Öffentliche Informationen, Serverlogs, Kommunikationslogs, Geräteinformationen
Wem wird vertraut?VPN-Anbieter, Posting-Dienst, Beratungsstelle, Geräteumgebung
Wie viel ist akzeptabel?Niedrigriskantes anonymes Posting oder hochriskanter Hinweis

Schon diese Überlegung ordnet die nötigen Maßnahmen deutlich.

Zusammenfassung

Ein Bedrohungsmodell ist die Denkweise, mit der man ordnet, vor wem man was schützen möchte. Ein Vertrauensmodell ist die Denkweise, mit der man ordnet, auf welches Gegenüber oder welchen Dienst man das eigene Handeln stützt.

Bei Anonymität ist es nicht realistisch, alles vor allen Gegenübern zu verbergen. Man muss zu schützende Dinge, angenommene Gegenüber, Fähigkeiten des Gegenübers, verbleibende Hinweise und vertraute Stellen getrennt betrachten.

Maßnahmen wie VPN, Tor, öffentliches Wi-Fi, Verschlüsselung und Kontotrennung ändern ihre Bedeutung je nach Zweck.

Zuerst festzulegen, „vor wem, was und in welchem Maß“ geschützt werden soll, ist der Ausgangspunkt beim Nachdenken über Anonymität.

Verwandte Werkzeuge

Public IP Check

WhatIsMyIP

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Anonymous communication

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VPN service

Proton VPN

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VPN service

Mullvad VPN

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