Was ist ein Vertrauensmodell?
Ein Vertrauensmodell ordnet, wer welche Informationen sehen kann, weil Anonymitätswerkzeuge Sichtbarkeit und Vertrauen oft verlagern statt Informationen verschwinden zu lassen.
Beim Nachdenken über Anonymität ist es gefährlich, nur zu denken: "Wenn ich dieses Werkzeug nutze, bin ich sicher."
Wenn man ein VPN nutzt, ändern sich die Informationen, die der ISP sieht. Dafür wird der VPN-Anbieter ein neuer Vertrauenspunkt. Cloud-Dienste sind bequem, aber man muss dem Cloud-Anbieter und den Personen vertrauen, mit denen geteilt wird. Bei SecureDrop oder anonymen Einreichungsdiensten spielt auch Vertrauen in Ziel und Betreiber eine Rolle.
Ein Vertrauensmodell ist eine Art zu ordnen, welchen Akteuren man welche Informationen zeigen darf.
Dieser Artikel erklärt Grundlagen von Vertrauensmodellen bei Anonymität. Bedrohungsmodelle und Vertrauensmodelle hängen eng zusammen und werden in "Bedrohungsmodelle und Vertrauensmodelle" ausführlich behandelt.
Was ist ein Vertrauensmodell?
Ein Vertrauensmodell ordnet, "wem man vertraut" und "was diese Person oder Stelle sehen kann".
Bei Anonymität verschwindet Information selten vollständig. In vielen Fällen ändert sich, wer sie sehen kann.
| Werkzeug oder Situation | Vertrauensakteur | Möglicherweise sichtbare Information |
|---|---|---|
| Normale Verbindung | ISP, Zieldienst | Ziel-IP, Quell-IP, Login-Information |
| VPN | VPN-Anbieter | Verbindungsquelle, VPN-Nutzung, Informationen zu Kommunikationszielen |
| Tor | Tor-Design, Knotenverteilung | Sichtbare Informationen werden zwischen Einstieg und Exit geteilt |
| Cloud-Freigabe | Cloud-Anbieter, Personen mit Freigabe | Dateien, Eigentümer, Freigabeverlauf |
| Anonymes Veröffentlichungsziel | Dienstbetreiber | Beitragsinhalt, Protokolle, Einreichungszeit |
Statt "niemand kann es sehen" zu denken, schaut man: "Wer kann es jetzt sehen?"
Vertrauensmodell bei VPN
Ein VPN ändert die für das Ziel sichtbare IP-Adresse zur IP des VPN-Servers.
Dafür vertraut man dem VPN-Anbieter. Deshalb prüft man Protokollierungsrichtlinie, Betreiber, Gerichtsstand, App, Audits und Transparenzberichte.
| Akteur | Was bei VPN-Nutzung sichtbar ist | Hinweis |
|---|---|---|
| ISP | Verbindung zum VPN-Server | Das Endziel ist schwerer direkt sichtbar |
| VPN-Anbieter | Für den Dienst nötige Informationen | Protokollierungsrichtlinie und Betrieb prüfen |
| Zielwebsite | IP des VPN-Servers | Cookies und Logins bleiben |
| Nutzende Person | Verwaltet Beitragsinhalt und Logins | Betriebsfehler erzeugen Korrelation |
Ein VPN ist kein Werkzeug, das Vertrauen überflüssig macht.
Es ist ein Werkzeug, das ändert, wohin Vertrauen gelegt wird.
Vertrauensmodell bei Tor
Tor sammelt den Kommunikationsweg nicht bei einem einzelnen VPN-Anbieter. Stattdessen verteilt es Rollen auf mehrere Relay-Knoten.
Der Einstiegsknoten kennt die Verbindungsquelle der nutzenden Person, aber nicht direkt das Endziel. Der Exit-Knoten kennt das Ziel, aber nicht direkt die ursprüngliche IP der nutzenden Person.
| Akteur | Sichtbare Information | Hinweis |
|---|---|---|
| Einstiegsknoten | Verbindungsquelle der nutzenden Person | Sieht das Endziel nicht direkt |
| Mittelknoten | Teil des Weges | Gesamtbild schwer zu sehen |
| Exit-Knoten | Ziel | Kann Inhalt sehen, wenn Kommunikation unverschlüsselt ist |
| Zielwebsite | Tor-Exit-Knoten | Logins und Cookies bleiben |
| ISP | Tatsache der Tor-Nutzung | Tor-Nutzung selbst kann auffallen |
Tor ist darauf ausgelegt, Vertrauen zu verteilen.
Wenn man sich jedoch über Loginstatus oder Beitragsinhalt selbst identifiziert, wird Anonymität schwächer.
Vorgehen zur Prüfung eines Vertrauensmodells
Das Vertrauensmodell prüft man, bevor man ein Werkzeug wählt.
| Frage | Was geprüft wird |
|---|---|
| Vor wem willst du schützen? | ISP, Ziel, Arbeitsplatz, Dienstbetreiber, Untersuchende |
| Was soll nicht sichtbar sein? | IP, Beitragsinhalt, Dateien, Beteiligte, Zeit |
| Wer darf es sehen? | VPN-Anbieter, Cloud, Einreichungsziel |
| Bleiben Protokolle? | Server, App, DNS, interne Organisationsprotokolle |
| Welche Folgen hätte Scheitern? | Beratung, Whistleblowing, Aktivismus, Quellenschutz |
Bei Hochrisikoaktivität gibt es Situationen, in denen man das Vertrauensmodell besser nicht allein beurteilt.
Wenn Whistleblowing, Quellenschutz oder physische Sicherheit betroffen sind, erwägt man Beratung durch Anwälte, Unterstützungsorganisationen oder vertrauenswürdige Fachleute.
Häufige Missverständnisse
Ein häufiges Missverständnis bei Vertrauensmodellen ist die Vorstellung, Vertrauen auf null senken zu können.
In Wirklichkeit vertraut man in vielen Situationen irgendeinem Akteur: einem VPN-Anbieter, dem Design von Tor, einem Cloud-Anbieter, einem E-Mail-Dienst, einem Einreichungsziel oder einer Beratungsstelle. Bei Anonymität wählt man dieses Vertrauen bewusst.
| Missverständnis | Korrekte Sicht |
|---|---|
| Mit VPN kann niemand etwas sehen | Der VPN-Anbieter wird neuer Vertrauenspunkt |
| Mit Tor ist auch Beitragsinhalt verborgen | Kommunikationsweg und Beitragsinhalt sind getrennt |
| Private Cloud-Freigabe ist sicher | Eigentümernamen und Freigabeverlauf bleiben |
| Ziele für Löschanfragen sind immer sicher | Für Identitätsprüfung kann zusätzliche Information übermittelt werden |
| Jeder Beratungsstelle kann man alles sagen | Zuverlässigkeit und Vertraulichkeit des Akteurs prüfen |
Wenn bewusst ist, wohin Vertrauen gelegt wird, wird die Werkzeugwahl realistischer.
Vertrauen in Stufen denken
In einem Vertrauensmodell behandelt man einen Akteur nicht nur als vertrauenswürdig oder nicht vertrauenswürdig.
Man denkt in Stufen darüber nach, welche Informationen sichtbar sein dürfen, welche Informationen man nicht zeigen will, welche Akteure rechtliche Anforderungen erhalten können und welche Akteure Betriebsfehler machen können.
| Stufe | Was bedacht wird |
|---|---|
| Niedriges Vertrauen | So wenig Information wie möglich geben |
| Begrenztes Vertrauen | Nur notwendige Information geben |
| Betriebliches Vertrauen | Einen Teil anvertrauen, um den Dienst zu nutzen |
| Vertrauen einschließlich Rechtsrisiko | Gerichtsstand und Offenlegungsanforderungen bedenken |
| Menschliches Vertrauen | Vertraulichkeit von Beratungsstellen oder Empfängern prüfen |
Für Anonymität ist wichtiger, bewusst zu wissen, wo man Vertrauen platziert, als Vertrauen auf null zu bringen.
Vertrauensmodell überprüfen
Ein Vertrauensmodell entscheidet man nicht einmal und ist fertig.
Dienstbedingungen, Protokollierungsrichtlinien, Betreiber, App-Spezifikationen und genutzte Länder oder Regionen können sich ändern. Wer anonyme Aktivität fortsetzt, überprüft regelmäßig genutzte VPNs, E-Mail, Cloud, Einreichungsziele und Beratungsstellen.
| Was überprüft wird | Grund |
|---|---|
| Protokollierungsrichtlinie | Gespeicherte Informationen können sich ändern |
| Betreiber | Unternehmen oder Gerichtsstand können sich ändern |
| App-Spezifikationen | Leckende Informationen oder Berechtigungen ändern sich |
| Zahlungsmethode | Korrelation mit Klarnameninformationen ändert sich |
| Beratungsstelle | Vertraulichkeit und Sicherheit prüfen |
Ein Vertrauensmodell betrifft nicht nur Dienstwahl, sondern auch die Wahl von Beratungsstellen.
Bei Löschanfragen, Rechtsberatung, journalistischen Hinweisen und Beratungen bei Unterstützungsorganisationen prüft man, welche Informationen die Gegenseite erhält, wie sie sie speichert und mit wem sie sie teilt.
Werkzeugbeschreibungen richtig einordnen
Beim Lesen von Artikeln über VPN, Tor, Cloud-Dienste oder anonyme Einreichungswerkzeuge prüft man immer das Vertrauensmodell.
Was verbirgt das Werkzeug? Wer kann was sehen? Wie weit vertraut man dem Betreiber? Bleiben Logins oder Beitragsinhalt? Wenn man nur nach "empfohlen" wählt, ohne dies zu betrachten, driften Zweck und Gegenmaßnahme auseinander.
| Frage beim Lesen | Grund |
|---|---|
| Was ändert sich? | Wirkung des Werkzeugs verstehen |
| Was bleibt? | Übervertrauen vermeiden |
| Wem vertraut man? | Verstehen, wohin Vertrauen wandert |
| Wie werden Protokolle behandelt? | Späteren Abgleich bedenken |
| Passt es zum Zweck? | Zu viel oder zu wenig vermeiden |
Ein Vertrauensmodell wird auch beim Lesen von Artikeln zu einer Prüfachse.
Zusammenfassung
Ein Vertrauensmodell ordnet, wem man vertraut und was dieser Akteur sehen kann.
Anonymitätswerkzeuge löschen Informationen oft nicht vollständig, sondern ändern, wer sie sehen kann.
Bei VPN wird der VPN-Anbieter ein neuer Vertrauenspunkt. Bei Tor wird Vertrauen über mehrere Knoten verteilt. Cloud-Dienste und anonyme Veröffentlichungsziele enthalten ebenfalls Vertrauen in Anbieter oder Betreiber.
Bei Anonymität prüft man nicht den Werkzeugnamen, sondern wohin Vertrauen wandert.
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