Vor dem Schreiben
Bevor man anonym etwas schreibt, entscheidet man zuerst, "was man nicht schreibt".
Wenn man mit dem Schreiben beginnt, kommen Erfahrungen, Gefühle, Orte, Arbeitsplatz, Familie und Fachwissen ganz natürlich zum Vorschein. Für die schreibende Person mag es eine gewöhnliche Geschichte sein, für lesende Personen kann sie aber zu einem Hinweis werden, der die Identität eingrenzt.
Die Prüfung vor dem Schreiben soll den Text nicht schwächen.
Sie ist eine Vorbereitung, um Informationen zu verringern, die zu einem selbst oder zu Beteiligten zurückführen, während die gewünschte Aussage erhalten bleibt.
Was vor dem Schreiben entschieden werden sollte
Zuerst legt man den Zweck des Textes fest und entscheidet, wen oder was er schützen soll.
| Was entschieden wird | Grund |
|---|---|
| Was vermittelt werden soll | Um keine unnötigen Details offenzulegen |
| Wer es lesen könnte | Um gefährliche Gegenüber mitzudenken |
| Wer geschützt werden soll | Um sich selbst, Familie, Mitstreitende und Quellen zu trennen |
| Wie konkret es werden soll | Um Fakten und Anonymität auszubalancieren |
| Ob es nach der Veröffentlichung bleiben darf | Um unter der Annahme zu denken, dass es nicht gelöscht werden kann |
Wenn der Zweck unklar ist, nehmen unnötige Selbstvorstellungen und Hintergrund-Erklärungen zu.
Personenbezogene Informationen, die leicht auftauchen
In Texten erscheinen nicht nur direkte personenbezogene Informationen, sondern auch indirekte Hinweise.
| Informationen, die leicht auftauchen | Risiko |
|---|---|
| Geschichten über Arbeitsplatz oder Schule | Zugehörigkeit oder Position wird erkennbar |
| Geschichten über die Region | Gewohnte Orte werden eingegrenzt |
| Familienstruktur | Altersgruppe oder Lebenssituation wird sichtbar |
| Fachbegriffe | Branche oder Abteilung wird vermutet |
| Zeitverlauf | Es wird erkennbar, wann man was wusste |
Vor dem Schreiben entscheidet man, wie viel davon sichtbar werden darf.
Nicht nur Leserinnen und Leser, sondern recherchierende Personen vorstellen
Anonyme Texte werden nicht unbedingt nur von wohlwollenden Leserinnen und Lesern gelesen.
Es gibt Menschen, die die Aussage verstehen wollen, und es gibt Menschen, die die schreibende Person suchen. Letztere achten weniger auf das Thema des Textes als auf Widersprüche in Details, regionale Eigenheiten, berufliche Begriffe, Veröffentlichungszeiten und Übereinstimmungen mit früheren Posts.
| Was recherchierende Personen betrachten | Warum es zum Hinweis wird |
|---|---|
| Beschreibung gewohnter Orte | Geschäfte, Bahnhöfe, Wetter und Pendelwege grenzen die Region ein |
| Geschichten über die Arbeit | Branche, Abteilung, Position und Arbeitszeiten werden sichtbar |
| Beziehungen | Familienstruktur, Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunde und Zugehörigkeiten werden erkennbar |
| Tiefe des Wissens | Fachgebiet und Erfahrungsjahre werden vermutet |
| Richtung der Gefühle | Beziehungen zu bestimmten Organisationen oder Personen werden sichtbar |
Vor dem Schreiben denkt man: "Würde jemand, der mich kennt, mich daran erkennen?"
Auch wenn Fremde es nicht erkennen, können Menschen vom Arbeitsplatz, aus der Schule, aus der Familie oder aus der Region es erkennen.
Bei Erfahrungsberichten besonders vorsichtig sein
Wenn man anonym schreibt, haben Erfahrungsberichte eine starke Überzeugungskraft.
Gleichzeitig sind Erfahrungsberichte auch Informationen, die leicht zur betroffenen Person zurückführen. Denn sie enthalten, wann, wo, mit wem und in welcher Position etwas erlebt wurde.
| Element eines Erfahrungsberichts | Risiko |
|---|---|
| Konkreter Zeitraum | Wird mit Arbeitsaufzeichnungen, Schulveranstaltungen oder Events abgeglichen |
| Ort | Gewohnte Orte, Arbeitsplatz oder Schule werden erkennbar |
| Position | Beruf, Abteilung oder Rolle wird eingegrenzt |
| Beteiligte | Familie, Kolleginnen und Kollegen, Mitstreitende oder Quellen werden hineingezogen |
| Seltenes Ereignis | Menschen, die dort waren, erkennen es |
Wenn man über Erfahrungen schreibt, behält man den sachlichen Kern bei und verringert Details, die zur Person zurückführen.
Wenn es nicht nötig ist, "im Juni letzten Jahres in einer Firma in Shibuya" zu schreiben, kann man es zu "früher, am Arbeitsplatz" verallgemeinern.
Vor Eigennamen nachdenken
Eigennamen machen Texte konkret.
Für Anonymität sind sie jedoch starke Hinweise. Firmennamen, Schulnamen, Bahnhofsnamen, Ladennamen, Eventnamen, Projektnamen, Produktnamen und Abteilungsnamen grenzen Kandidaten ein.
| Eigenname | Alternative Denkweise |
|---|---|
| Firmenname | Durch Branche, Größe oder Rolle ersetzen |
| Schulname | Mit Jahrgangsstufe und unscharfer Region erklären |
| Bahnhofsname | Nicht als konkreten Bahnhof, sondern als größere Region ausdrücken |
| Ladenname | Einen allgemeinen Begriff wie Restaurant oder Einrichtung verwenden |
| Abteilungsname | Eine breite Kategorie wie Verwaltung oder Vertrieb verwenden |
Es ist nicht nötig, alle Eigennamen zu entfernen.
Man prüft aber, ob der Text ohne diesen Namen verständlich bleibt.
Auch auf den Schreibstil achten
Texte verbinden sich nicht nur über Inhalte, sondern auch über den Schreibstil.
Häufig verwendete Wendungen, Zeichensetzung, Zeilenumbrüche, Fachbegriffe, Gefühlsausdrücke und Arten von Beispielen. Diese können mit früheren Posts oder anderen Konten korrelieren.
| Merkmal des Schreibstils | Worauf zu achten ist |
|---|---|
| Sprachgewohnheiten | Ähneln einem anderen Konto |
| Fachbegriffe | Beruf oder Zugehörigkeit wird sichtbar |
| Starke Gefühlsausdrücke | Verbinden sich mit früheren Äußerungen |
| Eigenartige Schreibweise | Wird zur Gewohnheit der schreibenden Person |
| Gleicher Aufbau | Wird langfristig zum Muster |
Der genaue Umgang mit Schreibstil wird in einem anderen Artikel behandelt.
Hier achtet man vor dem Schreiben darauf, ob der Text "zu sehr nach einem selbst klingt".
Beteiligte nicht hineinziehen
Beim anonymen Schreiben reicht es nicht, nur die eigenen Informationen zu entfernen.
Informationen über Familie, Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen, Quellen und Menschen, die am selben Ort waren, können in den Text geraten. Selbst wenn keine Namen genannt werden, können "die Person, die dort war", "die Person aus dieser Abteilung" oder "die Person aus dieser Region" erschlossen werden.
| Informationen über Beteiligte, die leicht auftauchen | Worauf zu achten ist |
|---|---|
| Geschichte über Familie | Alter, Beruf, Schule, Krankengeschichte und Ähnliches können auch zur Person zurückführen |
| Geschichte über Kolleginnen und Kollegen | Arbeitsplatz oder Abteilung wird vermutet |
| Geschichte über Freundinnen und Freunde | Beziehungen können zu früheren Konten zurückführen |
| Geschichte über Quellen | Wenn nur wenige Personen die Information kennen, wird es gefährlich |
| Teilnehmende vor Ort | Teilnahme an einem Event oder einer Protestaktion wird sichtbar |
Anonymität ist nicht nur das eigene Problem.
Man prüft, ob der eigene Text gewohnte Orte oder Positionen anderer Menschen offenlegt.
Auch die Schreibumgebung prüfen
Vor dem Schreiben prüft man auch, in welcher Umgebung geschrieben wird.
Wenn man in einer persönlichen Cloud, auf einem Arbeitsgerät oder in einem Browser entwirft, der in ein Klarnamenkonto eingeloggt ist, können Erstellungsverlauf oder Synchronisationsverlauf zurückbleiben.
| Umgebung | Worauf zu achten ist |
|---|---|
| Persönliche Cloud | Eigentümername, Bearbeitungsverlauf und Synchronisationsverlauf bleiben zurück |
| Arbeitsgerät | Geräteverwaltung und Dateiverlauf bleiben zurück |
| Klarnamen-Browser | s und Anmeldestatus vermischen sich |
| Werkzeug für gemeinsame Bearbeitung | Kommentare, Bearbeitende und Betrachtungsverlauf bleiben zurück |
| Smartphone-Notizen | Bleiben in Benachrichtigungen oder Backups zurück |
Anonyme Texte sind sicherer, wenn sie schon ab der Entwurfsphase getrennt werden.
Auch wenn nur der zu veröffentlichende Text geprüft wird, können im Erstellungsprozess Spuren zurückbleiben.
Kurze Prüfung vor dem Schreiben
Bevor man mit dem Schreiben beginnt, beantwortet man die folgenden Fragen.
| Frage | Zweck |
|---|---|
| Wer dürfte es nicht sehen? | Das angenommene Gegenüber festlegen |
| Was muss geschützt werden? | Sich selbst, Familie, Mitstreitende und Quellen trennen |
| Braucht diese Geschichte Eigennamen? | Unnötiges Eingrenzen vermeiden |
| Führt der Erfahrungsbericht zur Person zurück? | Zeitraum, Ort und Position prüfen |
| Wo wird der Entwurf geschrieben? | Cloud- und Geräteverlauf prüfen |
Wenn es in dieser Phase viele gefährliche Elemente gibt, ändert man die Schreibweise.
Auch die Entscheidung, nicht zu schreiben, vorbereiten
Bei anonymer Aktivität braucht es nicht nur Schreibtechnik, sondern auch die Entscheidung, nicht zu schreiben.
Bei Geschichten, deren Konkretheit sich nicht verringern lässt, bei Geschichten, die zu wenige Beteiligte kennen, oder bei Geschichten, durch deren Veröffentlichung sofort jemand verdächtigt würde, kann der Schutz allein durch Formulierungen manchmal nicht ausreichen.
In diesem Fall erwägt man Optionen wie Veröffentlichung verzögern, den Veröffentlichungsbereich einschränken, eine passendere Veröffentlichungsweise oder einen geeigneteren Kontaktweg wählen oder eine vertrauenswürdige Fachperson oder Redaktion konsultieren. Auch bei einer Beratung legt man vorher Kontaktweg, verbleibende Aufzeichnungen und den Umfang der Informationen fest, die an die andere Seite gehen.
| Stoppsignal | Grund |
|---|---|
| Nur wenige Personen kennen die Information | Der Text allein grenzt die Kandidaten ein |
| Beteiligte geraten in Gefahr | Andere Menschen als man selbst sind betroffen |
| Es gibt rechtliche Risiken | Es ist besser, nicht nur anhand des Artikels zu entscheiden |
| Gefühle sind zu stark | Es wird leichter, unnötige Informationen zu schreiben |
| Es bleiben Punkte, die man nicht beurteilen kann | Nach Veröffentlichung ohne Prüfung lässt sich später schwer korrigieren |
Zusammenfassung
Vor dem anonymen Schreiben entscheidet man nicht nur, was man schreibt, sondern auch, was man nicht schreibt.
Arbeitsplatz, Region, Familie, Fachbegriffe und Zeitverlauf werden zu Hinweisen, die mit der Identität oder mit Beteiligten verbunden sind.
Texte korrelieren nicht nur über Inhalte, sondern auch über den Schreibstil.
Die Vorbereitung vor dem Schreiben ist die Arbeit, unnötige identifizierende Informationen zu verringern und zugleich die gewünschte Aussage zu schützen.