Welche Denkweise zur Anonymität Aktivistinnen und Aktivisten brauchen
Für Aktivistinnen und Aktivisten dient Anonymität nicht nur dazu, die eigene Person zu verbergen.
Sie dient dazu, Mitstreiter, Teilnehmende, Unterstützende, Veranstaltungsorte, Bewegungswege und Kontaktnetze zu schützen.
Bei gesellschaftlicher Kommunikation und zivilgesellschaftlichem Engagement bewegen sich viele Informationen: Fotos, Videos, Social-Media-Posts, Veranstaltungsankündigungen, Gruppenchats, Spenden und Übergaben von Sachmitteln. Jede einzelne davon kann zu einem Hinweis werden, der zu Teilnehmenden oder Orten führt.
Bei Anonymität für Aktivistinnen und Aktivisten denkt man nicht nur: "Werde ich identifiziert?", sondern auch: "Wen ziehe ich hinein?"
Schutzobjekte breit betrachten
Bei der Anonymität von Aktivitäten wird der Schutzbereich breit.
Sprechende Personen, Teilnehmende vor Ort, Fotografierende, Bereitstellende von Räumen, Unterstützende, Familie, Arbeitsplatz, Schule. Auch wenn jemand selbst keine Öffentlichkeit will, können Fotos und Posts Beziehungen sichtbar machen.
Auswirkungen auf gewohnte Orte oder Zugehörigkeit der Person
Informationen, die in einer Aktivität veröffentlicht werden, wirken sich auch auf andere Menschen als einen selbst aus.
Bei Anonymität für Aktivistinnen und Aktivisten klärt man zuerst, wen man schützt. Schützt man nur die sprechende Person? Schützt man auch Teilnehmende vor Ort? Schützt man auch Raumgebende und Unterstützende? Denkt man auch an Auswirkungen auf Familie oder Arbeitsplatz?
Wenn sich die Schutzobjekte ändern, ändern sich auch die Informationen, die veröffentlicht werden können. Man selbst kann vielleicht das Gesicht zeigen, Teilnehmende aber nicht. Man selbst kann vielleicht den Veranstaltungsort nennen, die raumgebende Person möchte aber Auswirkungen auf die nächste Nutzung vermeiden. Anonymität in Aktivitäten ist nicht nur eine individuelle Entscheidung, sondern Sicherheitsgestaltung für alle Beteiligten.
Social-Media-Posts werden zur Karte der Aktivität
Social Media ist in Aktivitäten wichtig.
Es lässt sich für Ankündigung, Bericht, Verbreitung, Dokumentation und das Finden von Mitstreitern nutzen. Wenn sich Posts jedoch ansammeln, werden sie zur Karte der Aktivität.
Informationen in sozialen Netzwerken
Was sichtbar wird
Posting-Zeit
Treffzeit, Bewegungszeit, Verhalten nach der Aktivität
Social Media ist ein Werkzeug für Öffentlichkeitsarbeit, kann aber auch ein Werkzeug zur Verfolgung werden.
Man trennt Informationen, die veröffentlicht werden, von Informationen, die in interner Kommunikation bleiben.
Social Media wird nicht nur als einzelner Post betrachtet, sondern als gesamtes Konto. Wenn Ankündigungen, Fotos, Antworten, Zitate, Likes, Follows, Posting-Zeiten und frühere Äußerungen nebeneinanderstehen, werden Aktivitätsbereich und Beteiligte sichtbar. Je länger ein Aktivitätskonto besteht, desto feiner wird die Karte.
Wenn der Zweck der Kommunikation klar ist, lässt sich leichter wählen, welche Informationen herausgegeben werden. Will man mehr Teilnehmende gewinnen? Will man ein Problem bekannt machen? Will man eine Dokumentation hinterlassen? Will man Unterstützung sammeln? Personenbezogene Daten, Orte, Bewegungswege und Informationen über Beteiligte, die für den Zweck nicht nötig sind, lässt man sicherer weg.
Gesicht und Ort nicht gleichzeitig zeigen
Bei Fotos und Videos von Aktivitäten wird die Kombination aus Gesicht und Ort zu einem starken Risiko.
Nur ein Gesicht kann mit früheren Konten abgeglichen werden. Nur ein Ort zeigt den Aktivitätsbereich. Wenn Gesicht und Ort gleichzeitig erscheinen, wird sichtbar, wer wo war.
Herausgegebene Information
Risiko
Gesicht
Person, Mitstreiter oder Teilnehmende werden identifiziert
Ort
Veranstaltungsort, Treffpunkt oder Bewegungsweg wird sichtbar
Gesicht + Ort
Es wird sichtbar, wer vor Ort war
Gesicht + Uhrzeit
Kann mit Arbeit oder Schule abgeglichen werden
Ort + Posting-Zeit
Aktueller Standort wird vermutet
Bei Aktivitätsberichten sind Entscheidungen nötig, etwa Posting-Zeitpunkt verzögern, Gesichter nicht zeigen oder Orte verallgemeinern.
Gesicht, Ort und Uhrzeit sind auch einzeln Hinweise, werden zusammen aber schlagartig stärker. Denn daraus entsteht ein Datensatz: "Diese Person war zu dieser Zeit an diesem Ort." Das zeigt nicht nur die Teilnahme der Person an der Aktivität, sondern kann auch zu Meldungen an Arbeitsplatz oder Schule, Belästigung, Verfolgung oder Auswirkungen auf die Familie führen.
Bevor man Fotos oder Videos veröffentlicht, entscheidet man zuerst, was man vermitteln will. Wenn man die Größe der Beteiligung zeigen will, kann eine Fernaufnahme reichen, auf der Gesichter nicht erkennbar sind. Wenn man die Atmosphäre vor Ort vermitteln will, kann ein Ausschnitt reichen, der den Ort nicht identifiziert. Um Teilnehmende zu schützen, lässt man nur die Informationen übrig, die für den Zweck nötig sind.
Kontaktnetze können zur Schwachstelle der Aktivität werden
Gruppenchats, Kontaktsynchronisierung, Einladungslinks und gemeinsam bearbeitete Dateien zeigen Beziehungen innerhalb der Aktivität.
Wenn ein einzelnes Gerät oder Konto offengelegt wird, kann das gesamte Umfeld der Beteiligten sichtbar werden.
Kontaktmittel
Risiko
Gruppenchat
Teilnehmende, Rollen und Nachrichtenverlauf werden sichtbar
Kontaktsynchronisierung
Klarnamen und Telefonnummern werden verbunden
Einladungslink
Wenn er nach außen gelangt, können Teilnehmende hinzukommen
Gemeinsame Bearbeitung
Bearbeitende, Kommentare und Verlauf bleiben zurück
Geteilter Ordner
Materialien und Beteiligte werden zusammen sichtbar
Kontaktnetze sind Orte, an denen Bequemlichkeit und Gefahr dicht beieinanderliegen.
Man hält sie in einem Zustand, in dem nur notwendige Personen sie sehen können.
Das Risiko von Kontaktnetzen liegt darin, dass der Fehler einer Person auf alle übergreift. Jemand verliert ein Gerät. Ein Screenshot eines Gruppenchats wird veröffentlicht. Ein Einladungslink gelangt nach außen. In einem geteilten Ordner bleiben Namenslisten oder unbearbeitete Fotos. Durch solche Fehler können alle Teilnehmenden sichtbar werden.
In Aktivitäten teilt man Kontaktnetze nach der Wichtigkeit der Informationen. Es kann sicherer sein, allgemeine Ankündigungen, Organisationskommunikation, Notfallkontakt, Materialfreigabe und Einzelberatung nicht an einem Ort zu bündeln. Man gestaltet nicht nur nach Bequemlichkeit, sondern nach dem Schadensumfang, falls etwas nach außen gelangt.
Kommunikation und Sicherheit vereinbaren
Anonymität ist nicht dazu da, Aktivitäten zum Schweigen zu bringen. Sie ist eine Denkweise, um unnötige Exponierung zu verringern, damit notwendige Kommunikation weitergehen kann.
Aktivitäten haben Dinge, die mitgeteilt werden müssen. Unrecht, Diskriminierung, Gewalt, lokale Probleme, Politik, Unterstützungsbedarf, Stimmen vom Ort. Um dies zu vermitteln, ist es aber nicht immer nötig, Gesichter von Teilnehmenden, Familien, Arbeitsplätze, Heimwege oder Details zu Raumgebenden offenzulegen.
Was vermittelt werden soll
Zu reduzierende Informationen
Zweck der Aktivität
Persönliche Klarnamen und gewohnte Orte
Situation vor Ort
Gesichter und Bewegungswege von Teilnehmenden
Aufruf zur Unterstützung
Personenbezogene Daten von Unterstützenden
Tatsachen des Problems
Details, die zu Hinweisgebenden oder Beteiligten zurückführen
Fotos als Dokumentation
Hintergrund, Spiegelungen, Posting-Zeit
Das Bedrohungsmodell je nach Aktivität ändern
Nicht jede Aktivität braucht dieselbe Stärke von Anonymität. Bei lokaler Aufräumarbeit, Stellungnahmen zu Politik, Hinweisen zu Arbeitsproblemen, Protest gegen Diskriminierung und Aktivitäten in Ländern oder Regionen mit Repression unterscheiden sich erwartete Gegenüber und Schäden.
Wer ist das Gegenüber, vor dem man sich in Acht nehmen muss? Welche Informationen wären problematisch, wenn sie bekannt werden? Wer erleidet Schaden, wenn angegriffen wird? Welche Informationen müssen öffentlich sein, damit die Aktivität funktioniert?
Wenn man diese Fragen zuerst stellt, lassen sich nötige Maßnahmen leichter wählen. Anonymität ist nicht einfach: je stärker, desto besser. Sie wird passend zum Zweck und Risiko der Aktivität gestaltet.
Zusammenfassung
Die Anonymität, die Aktivistinnen und Aktivisten brauchen, schützt nicht nur sie selbst, sondern auch Mitstreiter, Teilnehmende, Veranstaltungsorte und Unterstützende.
Social-Media-Posts, Fotos, Videos, Gruppenchats und geteilte Dateien zeigen Beziehungen und Orte einer Aktivität.
Wenn Gesicht, Ort, Posting-Zeit und Kontaktnetz zusammenkommen, wird sichtbar, wer wo was getan hat.
Bei Aktivitätskommunikation trennt man Informationen, die veröffentlicht werden, von Informationen, die intern bleiben.
Anonymität ist eine Praxis, die Aktivitäten fortsetzbar macht.
Verwandte Artikel
Aktivisten
Welche Denkweise zur Anonymität Aktivistinnen und Aktivisten brauchen
Anonymität für Aktivistinnen und Aktivisten schützt Mitstreiter, Teilnehmende, Unterstützende, Veranstaltungsorte, Bewegungswege und Kontaktnetze, nicht nur die sprechende Person.