Bedrohungsmodell zum Schutz von Quellen
Quellenschutz beginnt mit einem Bedrohungsmodell: Wer könnte die Quelle suchen, was muss geschützt werden, über welche Wege entstehen Lecks und wie stark ist das Risiko?
Beim Quellenschutz erstellt man zuerst ein Bedrohungsmodell.
Ein Bedrohungsmodell ist eine Denkweise, die ordnet, "vor wem, was und in welchem Maß" geschützt werden soll.
Das Risiko ändert sich je nachdem, ob die Quelle angestellt, verbeamtet, aktivistisch tätig, Whistleblowerin oder Whistleblower oder in einer anderen Lage ist. Auch die nötigen Maßnahmen ändern sich je nachdem, ob die Gegenseite eine einzelne belästigende Person, eine Ermittlungsabteilung eines Unternehmens oder eine staatliche Stelle ist.
Wenn man ohne Bedrohungsmodell nur Werkzeuge auswählt, schützt man leicht die falsche Stelle.
Vor wem geschützt werden soll
Zuerst denkt man an die Gegenseite, die versuchen könnte, die Quelle zu identifizieren.
Je nach Gegenseite unterscheiden sich sichtbare Informationen, verfügbare Mittel und Ermittlungsfähigkeit.
| Gegenseite | Was sie tun kann |
|---|---|
| Vorgesetzte oder Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz | Arbeitsaufzeichnungen und abteilungsinterne Informationen prüfen und vermuten, wer davon wusste |
| Unternehmen oder Organisation | Zugriffslogs, Verlauf der Dokumentansicht und interne Untersuchungen nutzen |
| Prozessgegner | Offenlegung von Aufzeichnungen, Druck auf Beteiligte und Beweissammlung nutzen |
| Staatliche Stellen | Kommunikationsdaten, Beschlagnahme von Geräten und breite Ermittlungen nutzen |
| Online-Angreifer | Beitragsverläufe, soziale Netzwerke, Bilder und öffentliche Informationen sammeln |
Gegen alle Gegenseiten lässt sich nicht mit derselben Maßnahme gewinnen.
Wenn realistische Bedrohungen zuerst festgelegt werden, lassen sich überzogene und unzureichende Maßnahmen vermeiden.
Was geschützt werden soll
Als Nächstes trennt man die Schutzgüter.
Es reicht nicht, nur den "Namen der Quelle" zu schützen. Auch die Tatsache der Kontaktaufnahme, die Tatsache des Zugriffs auf Unterlagen, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Abteilung, ein Aufnahmeort, Schreibstil und Zeitpunkt werden zu Schutzgütern.
| Schutzgut | Konkretes Beispiel |
|---|---|
| Identität | Name, Gesicht, Zugehörigkeit, Kontaktadresse |
| Tatsache des Kontakts | Wann mit wem Kontakt aufgenommen wurde |
| Herkunft der Unterlagen | Ersteller, Betrachtende, Zugriffsrechte |
| Handlungszeit | Sendezeit, Aufnahmezeit, Login-Zeit |
| Merkmale im Artikel | Interne Umstände, besondere Formulierungen, Position |
Quellen werden auch dann verdächtigt, wenn kein Name erscheint.
Wenn "nur wenige Personen diese Unterlage sehen können", wird schon die Art der Unterlage selbst zu einem starken Hinweis.
Über welche Wege etwas offen wird
Es gibt mehrere Leckpfade.
Kommunikation, Dateien, Artikelinhalt, Weitergabe innerhalb der Redaktion und Reaktionen nach der Veröffentlichung: Von überall aus kann man sich der Quelle nähern.
| Pfad | Offengelegte Information |
|---|---|
| Kontaktmittel | E-Mail, DM, Anrufliste, IP, Zeitpunkt |
| Datei | Metadaten, Ersteller, Bearbeitungsverlauf, Aufnahmeinformationen |
| Cloud | Eigentümer, Betrachtungslogs, Freigabeverlauf, Kommentare |
| Artikeltext | Abteilung, Chronologie, Aussageinhalt, interne Umstände |
| Nach Veröffentlichung | Wer reagiert, wer schweigt, interne Untersuchung der Organisation |
Maßnahmen werden für jeden Leckpfad getrennt bedacht.
Wenn der Artikeltext die Quelle erkennbar macht, hilft es nicht, Tor oder SecureDrop zu verwenden.
Ein häufiges Missverständnis ist die Annahme, dass der Schutz des Kommunikationswegs allein Quellenschutz bedeutet.
Ein sicherer Kontaktweg ist wichtig. Aber der Kontaktweg ist nur ein Teil des Quellenschutzes.
Selbst wenn eine Quelle Unterlagen über ein anonymes Formular sendet, lässt sich die Herkunft eingrenzen, wenn Erstellername, Abteilungsname, Bearbeitungsverlauf oder ein Wasserzeichen für den Verteiler in den Unterlagen bleiben.
Wenn im Artikel steht: "Nach Angaben einer Person, die an dieser Sitzung teilnahm", kann die Kandidatenliste innerhalb der Organisation anhand der Teilnehmenden eingegrenzt werden.
| Bereich, den man geschützt zu haben glaubt | Verbleibende Gefahr |
|---|---|
| Anonymes Formular | Metadaten oder Inhalt der gesendeten Unterlagen verraten etwas |
| Verschlüsselte Nachricht | Gerätebenachrichtigungen, Kontaktzeit und Logs der Gegenseite bleiben |
| E-Mail unter Pseudonym | Schreibstil, Anhang und Erstellungsumgebung verraten etwas |
| Anonyme Bezeichnung im Artikel | Aussageinhalt oder Position verengen den Kreis |
Beim Quellenschutz müssen Kontaktweg, Unterlagen, Text und Reaktionen nach der Veröffentlichung zusammen betrachtet werden.
Risikostärke unterscheiden
Nicht jede Recherche braucht Maßnahmen derselben Stärke.
Ein leichtes lokales Thema unterscheidet sich im Risiko von organisierter Kriminalität, Korruption, nationaler Sicherheit oder Whistleblowing.
| Risiko | Situation | Nötige Denkweise |
|---|---|---|
| Niedrig | Recherche auf Grundlage öffentlicher Informationen | Grundlegende Prüfung und Einwilligung |
| Mittel | Aussage einer anonym bleiben wollenden Person | Verwaltung von Kontaktweg, Zitaten und Attributinformationen |
| Hoch | Interne Unterlagen oder Hinweis auf Fehlverhalten | Eigener Kanal, Unterlagenverwaltung, Verhindern von Rückschlüssen aus dem Artikel |
| Sehr hoch | Staat oder starke Organisation beteiligt | Fachkundige Beratung, Umgebungstrennung, vorsichtige Veröffentlichungsentscheidung |
Bei Hochrisikorecherchen ist es auch wichtig, nicht eigenmächtig vorzugehen.
Es braucht eine Struktur, in der Redaktion, Fachleute, rechtliche Beratung und Sicherheitsverantwortliche einbezogen werden können.
Was vor der Recherche festgelegt wird
Ein Bedrohungsmodell wird vor der Recherche erstellt, nicht danach.
Wenn einmal per Klarnamen-E-Mail oder Social-Media-DM Kontakt aufgenommen wurde, lässt sich diese Spur später nicht löschen. Wenn Unterlagen in die alltäglich genutzte Cloud hochgeladen wurden, bleiben Logs und Freigabeverläufe zurück.
| Vor der Recherche festzulegen | Grund |
|---|---|
| Kontaktmittel | Der Erstkontakt wird besonders leicht zur Spur |
| Art des Materialempfangs | Metadaten und Freigabeverläufe verwalten |
| Speicherort | Zugriffsbereich innerhalb der Redaktion begrenzen |
| Umgang mit Zitaten | Rückschlüsse auf Zeuginnen und Zeugen vermeiden |
| Veröffentlichungszeitpunkt | Korrelation mit internen Untersuchungen vermeiden |
Bevor man einer Quelle sagt: "Schicken Sie es erst einmal", legt man fest, wie Material entgegengenommen wird.
Was beim Schreiben bedacht wird
Der Schutz von Quellen endet nicht mit dem Empfang der Information.
Beim Schreiben wird entschieden, welche Details, die auf die Quelle hinweisen, erhalten bleiben. Informationen, die Leser brauchen, werden von Informationen getrennt, die Quellen gefährden.
Zum Beispiel kann es nötig sein, zur Erklärung eines Whistleblowing-Inhalts Branchen wie "medizinische Einrichtung", "Kommunalverwaltung" oder "Logistikunternehmen" zu nennen. Nicht immer ist es jedoch nötig, konkrete Filialnamen, Sitzungstage, Funktionsbezeichnungen, Personenzahlen oder nur intern gebräuchliche Bezeichnungen offenzulegen.
| Information im Artikel | Zu prüfen |
|---|---|
| Funktion oder Abteilung | Ob Kandidaten auf wenige Personen eingegrenzt werden |
| Datum und Uhrzeit | Ob Abgleich mit Zugriffslogs oder Sitzungsprotokollen möglich ist |
| Aussehen der Unterlagen | Ob Wasserzeichen oder Versionsstände je Verteiler sichtbar sind |
| Zitat | Ob besondere Formulierungen der Person erhalten bleiben |
| Veröffentlichungszeitpunkt | Ob er zu stark mit internen Untersuchungen oder Ereignissen zusammenfällt |
Wenn Informationen zum Quellenschutz verallgemeinert werden, kann die Überzeugungskraft des Artikels sinken. In diesem Fall wird als redaktionelle Entscheidung behandelt, was bleibt und was gestrichen wird.
Nur "anonym bleiben wollend" zu schreiben, reicht nicht. Die Form muss so gestaltet werden, dass Leser oder Beteiligte nicht rückwärts erschließen können, wer diese Person ist.
Auch der Quelle erklären
Quellenschutz ist nicht nur Sache der Journalistin, des Journalisten oder der Redaktion.
Wenn die Quelle selbst gefährliche Kontaktmethoden nutzt, nach der Veröffentlichung in sozialen Netzwerken reagiert oder in ihrem Umfeld darüber spricht, wird der Schutz schwächer. Deshalb werden bei Hochrisikorecherchen auch der Quelle die wichtigsten Vorsichtspunkte erklärt.
| Zu erklären | Grund |
|---|---|
| Alltagsgerät und Arbeitsleitung vermeiden | Bleibt in internen Logs oder Geräteverwaltung zurück |
| Unterlagen nicht unverändert senden | Metadaten und Wasserzeichen bleiben |
| Nach Veröffentlichung nicht zu stark reagieren | Kann als beteiligte Person verdächtig machen |
| Nicht im Umfeld darüber sprechen | Informationen können über Beratende weiterwandern |
| Kontaktweg nicht wechseln | Abweichen vom sicheren Weg erhöht Spuren |
Um eine Quelle zu schützen, muss geteilt werden, welches Verhalten für sie gefährlich wäre.
Zusammenfassung
Um Quellen zu schützen, braucht es ein Bedrohungsmodell.
Man ordnet, vor wem geschützt wird, was geschützt wird, über welche Wege etwas offen werden kann und wie stark das Risiko ist.
Quellen werden auch ohne Namensnennung verdächtigt.
Kontaktzeit, Art der Unterlagen, Details im Artikel und Veröffentlichungszeitpunkt können den Kreis der Kandidaten verengen.
Der Ausgangspunkt des Quellenschutzes ist, vor der Werkzeugwahl festzulegen, welche Gegenseite und welche Informationen geschützt werden müssen.
Verwandte Werkzeuge
SecureDrop
Eine externe Ressource zu diesem Artikel. Öffne sie nur, wenn sie zu deiner Situation und deinem Bedrohungsmodell passt.
Warum es hier aufgeführt ist: Sie kann beim Thema des Artikels helfen, liegt aber außerhalb von Anonymity Sense und sollte vor der Nutzung geprüft werden.
URL : https://securedrop.org/
GlobaLeaks
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