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Welche Denkweise zur Anonymität Journalistinnen und Journalisten brauchen

Für Journalistinnen und Journalisten dient Anonymität nicht nur dazu, sich selbst zu verbergen.

Sie dient dazu, Quellen, Personen, die interne Unterlagen bereitstellen, Zeuginnen und Zeugen, Beteiligte und Personen, die bei Aufnahmen helfen, zu schützen.

Auch wenn die schreibende Person sicher ist, kann eine Quelle über Kontaktwege, Dateien, den Veröffentlichungszeitpunkt oder Beschreibungen im Artikel erschlossen werden. Wenn die Quelle innerhalb einer Organisation zu einer kleinen Minderheit gehört, kann schon ein einzelner Satz im Artikel den Kreis der Verdächtigen verengen.

Bei Anonymität für Journalistinnen und Journalisten steht weniger die Frage "Wer hat geschrieben?" im Zentrum, sondern "Wer wird verdächtigt, die Information weitergegeben zu haben?".

Zu schützen sind Quellen

Beim Quellenschutz ist am wichtigsten, das Risiko zu senken, dass die informationsgebende Person identifiziert wird.

Menschen, die anonym Kontakt aufnehmen, interne Unterlagen senden, Hintergrundinformationen geben oder Fotos vom Ort bereitstellen, geraten nach der Veröffentlichung in eine Lage, in der Organisationen oder Machthaber sie verdächtigen können.

Zu schützende PersonInformationen, auf die zu achten ist
InformationsgeberKontaktweg, eingereichte Unterlagen, Schreibstil, Zugriffszeit
ZeugePosition, Abteilung, Erfahrung, Inhalt der Aussage
AufnahmehelferPosition, Zeitpunkt, Perspektive und Geräteinformationen des Fotos
BeteiligteBeschreibungen, Zitate und interne Umstände im Artikel
Leserinnen und Leser, die Hinweise einreichenEingabeformular, IP, E-Mail, angehängte Dateien

Um Quellen zu schützen, geht es nicht nur um Technik, sondern auch um die Art, wie ein Artikel geschrieben wird.

Selbst wenn die Metadaten von Unterlagen entfernt wurden, wird die Quelle verdächtigt, wenn der Text "eine Geschichte, die nur eine bestimmte Person kennen kann" enthält.

Bei journalistischer Anonymität steht die Quelle stärker im Mittelpunkt als die Journalistin oder der Journalist selbst. Auch wenn Journalistinnen und Journalisten unter ihrem eigenen Namen arbeiten, kann es nötig sein, dass die Quelle anonym bleibt. Whistleblower, Betroffene, Minderheiten, Menschen in schwacher Position am Arbeitsplatz und Menschen, die für Mächtige nachteilige Aussagen machen, können nach der Veröffentlichung Vergeltung oder Druck ausgesetzt sein.

Deshalb beginnt Quellenschutz in dem Moment, in dem Kontakt aufgenommen wird. Die erste E-Mail, der Empfang von Unterlagen, der Speicherort, die Weitergabe innerhalb der Redaktion, die Formulierungen im Artikel und der Veröffentlichungszeitpunkt gehören alle zum Schutzbereich.

Kontaktwege werden zu Belegen

Bei der Kontaktaufnahme in der Recherche bleiben Spuren zurück.

E-Mail, Social-Media-DMs, Anrufe, Cloud-Freigaben, Videokonferenzen und Chat-Apps sind praktisch. Aber bei Quellenschutz bleiben dabei Logs, Konten, Zeiten, Gegenstellen und angehängte Dateien zurück.

KontaktmittelSpuren, die leicht zurückbleiben
E-MailAbsender und Empfänger, Zeitpunkt, Betreff, angehängte Dateien, Header
Social-Media-DMKonto, Gesprächsverlauf, Lesebestätigung, Screenshots
AnrufAnrufliste, Telefonnummer, Aufzeichnungen beim Telekommunikationsanbieter
Cloud-FreigabeName des Eigentümers, Betrachtungslogs, Bearbeitungsverlauf
VideokonferenzTeilnehmernamen, Aufzeichnung, Hintergrund, Anzeigename

Es reicht nicht, nur darauf zu schauen, ob Inhalte verschlüsselt sind.

Auch wer mit wem, wann und über welchen Dienst Kontakt hatte, wird zum Problem.

Selbst bei verschlüsselten Messenger-Apps bleiben Benachrichtigungen, Backups, Verlauf auf dem Gerät und Screenshots der Gegenseite bestehen. Bei E-Mail und Telefon bleiben Absender und Empfänger, Zeiten, Nummern und Betreffzeilen zurück. Bei Cloud-Freigaben bleiben Eigentümername, Betrachtungslogs und Freigabeverlauf zurück.

Bei der Wahl des Kontaktwegs prüft man nicht nur den Schutz des Inhalts, sondern auch, wo die Tatsache des Kontakts zurückbleibt. Bei Hochrisikorecherchen wird schon für den Erstkontakt ein sichererer Eingang vorbereitet.

Unterlagen haben mehr als nur Inhalt

In Rechercheunterlagen bleiben Informationen außerhalb des eigentlichen Inhalts zurück.

PDFs, Office-Dateien, Bilder, Videos, Audiodateien und Archive können Ersteller, Bearbeitungsverläufe, Geräteinformationen, Standortinformationen, Dateinamen und Ordnerstrukturen enthalten.

UnterlageZu prüfende Information
PDFErsteller, Bearbeitungssoftware, eingebettete Informationen
Office-DokumentÄnderungsverlauf, Kommentare, Organisationsname, Ersteller
BildGPS, Aufnahmezeit, Kameramodell, Hintergrund
Video und AudioStimme, Hintergrundgeräusche, Aufnahmeort, Geräteinformationen
ArchivdateiInterne Dateinamen, Ordnerstruktur

Unterlagen werden nicht erst vor der Veröffentlichung geprüft, sondern auch vor der Weitergabe innerhalb der Redaktion.

Wenn unnötige Metadaten beim Teilen erhalten bleiben, wird der Schaden bei einem späteren Leck umso größer, je mehr Beteiligte Zugriff erhalten.

Auch die Weitergabe innerhalb der Redaktion ist wichtig. Wenn empfangene Unterlagen in der üblichen Cloud oder in einem breiten gemeinsamen Ordner abgelegt werden, wächst der Kreis der Personen mit Zugriff. Schon Dateinamen oder Vorschaubilder können Quelle oder Organisationsname sichtbar machen. Hochriskante Unterlagen werden an einem Ort getrennt, den nur die nötigen Personen einsehen können.

Bei der Prüfung von Unterlagen trennt man Originaldatei, Arbeitskopie und Veröffentlichungskopie. Wenn Beweiswert erhalten bleiben muss, ist es auch wichtig, Originaldateien nicht unbedacht zu bearbeiten.

Artikelinhalte werden rückwärts gelesen

Quellenschutz endet nicht damit, technische Spuren zu entfernen.

Aus dem Inhalt des Artikels selbst kann erschlossen werden, wer die Quelle war.

Information im ArtikelWas daraus rückgerechnet wird
Konkreter AbteilungsnameKreis der Menschen, die die Information kennen
Details zur ChronologieMenschen, die vor Ort waren oder Zugriff auf Aufzeichnungen hatten
Eigentümliche FormulierungHerkunft von Aussage oder Dokument
Aufnahmeposition eines FotosPosition oder Bewegungsroute der aufnehmenden Person
Art interner UnterlagenMenschen mit Zugriffsrechten

Um Quellen zu schützen, braucht es beim Schreiben die Entscheidung, Informationen zu verallgemeinern.

Wenn Details gestrichen werden, kann die Überzeugungskraft des Artikels sinken. Dann müssen öffentliches Interesse und Sicherheit der Quelle gegeneinander abgewogen werden.

Rückschlüsse aus dem Artikelinhalt werden besonders leicht übersehen. Auch wenn Kommunikationsweg und Dateien sicherer behandelt wurden, wird eine Quelle verdächtigt, wenn der Artikel "etwas, das nur Teilnehmende dieser Sitzung wissen", "einen internen Begriff nur aus dieser Abteilung" oder "ein Foto, das nur aus diesem Winkel möglich ist" enthält.

Beim Schreiben trennt man die für Leser nötige Konkretheit von Details, die zur Quelle zurückführen. Die Struktur des Problems, gesellschaftliche Auswirkungen und für die Überprüfung nötige Fakten bleiben erhalten. Dagegen werden Position der Quelle, Uhrzeit, Ort, Dokumentversion und besondere Formulierungen auf Anpassungsbedarf geprüft.

Bei Hochrisiko-Quellenschutz kann es nötig sein, nicht allein zu entscheiden, sondern mit redaktionell Verantwortlichen, vertrauenswürdigen Sicherheitsverantwortlichen oder rechtlichen Beratungsstellen zu prüfen.

Auch der Betrieb auf Journalistenseite zählt

Quellenschutz kann sich nicht nur auf Vorsicht der Quelle verlassen. Geräte, Konten, Cloud-Dienste, redaktionsinterne Weitergabe und Social-Media-Ankündigungen auf Journalistenseite wirken sich auf Quellen aus.

Betrieb auf JournalistenseiteAuswirkung auf die Quelle
Trennung von KontaktwegenSpuren des Kontakts nicht ausweiten
Verwaltung der UnterlagenBetrachtende Personen und Freigabeverläufe begrenzen
Prüfung vor VeröffentlichungRückschlüsse aus Artikelinhalten verringern
Social-Media-AnkündigungKeine Hinweise über den Artikeltext hinaus geben
Umgang nach VeröffentlichungQuelle nicht durch Zusatzinformationen eingrenzen

Die für Journalistinnen und Journalisten nötige Anonymität besteht nicht nur aus technischem Wissen. Sie ist eine operative Praxis, die Recherche, Redaktion, Veröffentlichung und Umgang nach der Veröffentlichung umfasst.

Schutz geht nach der Veröffentlichung weiter

Nach Erscheinen eines Artikels endet das Risiko für Quellen nicht. Die Organisation kann eine interne Untersuchung beginnen, alte Zugriffslogs prüfen, Beteiligte befragen oder in sozialen Netzwerken nach der Quelle suchen. Nachträge zum Artikel, Social-Media-Posts der Journalistin oder des Journalisten und Kontakte für weitere Recherchen werden ebenfalls zu neuen Hinweisen.

Beim Quellenschutz wird deshalb auch der Umgang nach der Veröffentlichung festgelegt. Wie viele Zusatzinformationen werden herausgegeben? Wie wird die Quelle kontaktiert? Wie werden Anfragen beantwortet? Was geschieht, wenn die Quelle wegen der Reaktion auf den Artikel verdächtigt wird? Auch das gehört zur journalistischen Anonymitätspraxis.

Zusammenfassung

Die für Journalistinnen und Journalisten nötige Anonymität ist nicht nur eine Technik, um sich selbst zu verbergen.

Sie ist eine Denkweise, um Quellen, Zeuginnen und Zeugen, Materialgeber und Beteiligte zu schützen.

Kontaktwege, Dateimetadaten, Cloud-Freigaben, Veröffentlichungszeitpunkt und Beschreibungen im Artikel werden alle zu Hinweisen, die zur Quelle führen können.

Beim Quellenschutz geht es nicht nur um die Frage, ob Kommunikation verschlüsselt wurde, sondern darum, wer verdächtigt wird.

Wichtig ist, schon vor der Veröffentlichung zu prüfen, was nach Erscheinen des Artikels rückwärts erschlossen werden kann.

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