Risiko, dass die Person aus dem Inhalt eines Hinweises erschlossen wird
Beim Whistleblowing kann die Person auch dann aus dem Inhalt erschlossen werden, wenn ihr Name verborgen ist.
Um welche Abteilung geht es. Welche Besprechung kennt sie. Welche Unterlage hat sie gesehen. Aus welchem Zeitraum stammt der Vorgang. Welche Formulierung kann nur jemand in einer bestimmten Position kennen.
Menschen innerhalb der Organisation kennen mehr Kontext als externe Leserinnen und Leser.
Deshalb kann der Kandidatenkreis umso kleiner werden, je konkreter der Inhalt eines Hinweises ist.
Der Inhalt selbst zeigt die Herkunft
Im Inhalt eines Hinweises steckt die Herkunft der Information.
Bestimmte Besprechungen, interne Unterlagen, Aussagen von Führungskräften, Abläufe, die nur Zuständige kennen, Anordnungen vor Ort. Solche Informationen zeigen, wer davon wissen konnte.
Inhaltlicher Hinweis
Verdächtige Personen
Details einer Besprechung
Teilnehmende, Ersteller der Unterlagen, Protokollführung
Austausch innerhalb einer Abteilung
Mitglieder, Führungskräfte
Bildschirm eines bestimmten Systems
Personen mit Zugriffsberechtigung
Details von Vor-Ort-Arbeit
Vor-Ort-Zuständige, Aufsicht
Wortlaut interner E-Mails
Empfangende, Weiterleitende, Administrierende
Auch bei anonymer Übermittlung bleiben nur wenige Kandidaten, wenn der Informationsbereich eng ist.
Die Organisation betrachtet den Text anders als externe Leserinnen und Leser. Was Außenstehenden wie eine bloße Erklärung erscheint, kann intern bedeuten: "Diese Besprechung kennen nur wenige" oder "Diesen Bildschirm kann nur diese Abteilung sehen". Deshalb muss ein Hinweistext danach betrachtet werden, wie er auf interne Untersuchende wirkt, nicht nur auf die allgemeine Leserschaft.
Beim Whistleblowing kollidieren Wert der Information und Schutz der Herkunft. Ohne Konkretheit lässt sich das Problem schwer vermitteln. Zu starke Konkretheit führt aber leichter zurück zur hinweisgebenden Person. Diese Balance ist wichtig.
Eingrenzung durch zeitliche Abläufe
Zeitliche Abläufe sind starke Hinweise.
Wenn "wann die Unterlage gesehen wurde", "wann die Besprechung war", "wann man vom Problem erfuhr" und "wann es nach außen gelangte" nebeneinanderstehen, kann die Gegenseite sie mit Logs abgleichen.
Zeitliche Information
Womit sie abgeglichen wird
Zeitpunkt des Dokumentzugriffs
Dateizugriffslogs
Direkt nach einer Besprechung
Teilnehmende oder Protokollführung
Zeitpunkt von Druck oder Foto
Drucker, Zutritt, Überwachungskameras
Sendezeit
Netzwerklogs oder Gerätebedienung
Veröffentlichungsdatum
Startpunkt interner Untersuchungen
Auch wenn zeitliche Angaben für den Inhalt nötig sind, prüft man, ob ihre Genauigkeit zur Quelle oder zur hinweisgebenden Person zurückführt.
Zeitliche Abläufe lassen sich leicht mit Organisationslogs abgleichen. Zeitpunkt des Dateiöffnens, Eintritt in einen Besprechungsraum, Nutzung eines Druckers, Login in ein internes System, Empfang einer E-Mail. Je nach Organisation bleiben diese Angaben in mehreren Logs zurück.
Schon Formulierungen wie "direkt nach der Besprechung", "am Tag nach der Verteilung der Unterlage" oder "am Freitagabend" können den Kandidatenkreis verkleinern. Selbst wenn ein genauer Zeitraum nötig ist, prüft man, ob die Genauigkeit zur hinweisgebenden Person selbst zurückführt.
Schreibstil und Gefühle werden ebenfalls zu Hinweisen
In Hinweistexten erscheinen Merkmale der schreibenden Person.
Verwendung von Fachbegriffen, interne Begriffe, Art der Wut, Zeichensetzung, Reihenfolge der Erklärung, häufige Formulierungen. Je häufiger Texte einer Person in der Organisation gelesen werden, desto eher kann ihr Schreibstil Hinweise liefern.
Merkmal des Textes
Risiko
Fachbegriffe
Berufsfeld oder Abteilung wird sichtbar
Interne Bezeichnungen
Zugehörigkeit oder Generation wird vermutbar
Gefühlsausdruck
Verbindung zu früheren Aussagen oder Unzufriedenheit
Erklärungsreihenfolge
Betriebliche Position tritt hervor
Schreibstil
Abgleich mit gewöhnlichen E-Mails oder Dokumenten
Es ist wichtig, Inhalte korrekt zu vermitteln.
Ein Text, in dem die eigene Person stark durchscheint, schwächt jedoch Anonymität.
Besonders wer in der Organisation regelmäßig E-Mails, Berichte, Protokolle oder Chats schreibt, muss vorsichtig sein. Menschen im Umfeld kennen die Schreibweise dieser Person. Häufige Wendungen, Zeichensetzung, Aufbau von Aufzählungen, Wahl von Fachbegriffen und Art, Ärger auszudrücken, werden zu Hinweisen.
Beim Ändern des Schreibstils geht es nicht darum, unnatürliche Ausschmückungen hinzuzufügen, sondern persönliche Gewohnheiten zu verringern. Gefühlsausdruck zurücknehmen. Interne Lieblingsformulierungen vermeiden. Nicht mehr Hintergrund erklären als nötig. Wörter verringern, die die eigene Position zeigen. So wird die persönliche Färbung abgeschwächt.
Zu starke Verallgemeinerung nimmt Aussagekraft
Wenn man alles verallgemeinert, um Rückschlüsse aus dem Inhalt zu vermeiden, wird die Bedeutung des Hinweises schwächer.
Wichtig ist, den Kern der Tatsachen zu erhalten und zugleich Details anzupassen, die zur hinweisgebenden Person zurückführen.
Anzupassende Information
Denkweise
Abteilungsname
Falls nötig, auf höhere Ebene verallgemeinern
Datum
Wenn das genaue Datum unnötig ist, als Zeitraum angeben
Zitat
Bedeutung erhalten und persönliche Ausdrucksweise abschwächen
Unterlagenname
Wenn der konkrete Name unnötig ist, Art der Unterlage nennen
Position
Wenn eine Person eingegrenzt wird, den Bereich erweitern
Es lohnt sich, mit dem Einreichungsziel oder Fachleuten zu besprechen, wie konkret der Text sein sollte.
Bei der Anpassung trennt man Tatsachenkern und Details, die zur Identifizierung führen. Wichtig sind Inhalt des Fehlverhaltens oder der Gefahr, Auswirkungen, betroffene Regeln und Art der Beweise. Andererseits können Angaben wie wer wann auf welchem Sitzplatz etwas hörte, auf welchem Gerät etwas gesehen wurde oder von welcher zuständigen Person etwas kam, die hinweisgebende Person eingrenzen.
Auch die nötige Konkretheit hängt vom Einreichungsziel ab. Medien, Anwältinnen und Anwälte, Aufsichtsstellen und Unterstützungsorganisationen brauchen unterschiedliche Informationen und haben unterschiedliche Schutzkonzepte. Wichtig ist, Informationen für die öffentliche Darstellung von Informationen zu trennen, die vertraulich an eine vertrauenswürdige Beratungsstelle gehen.
Auch Beweismaterial enthält Herkunftshinweise
Nicht nur der Inhalt des Hinweises, sondern auch Beweismaterial enthält Herkunftshinweise.
Erstellername eines PDFs, Bearbeitende in Office-Dateien, Wasserzeichen beim Drucken, Dateiname, Bildschirmgröße eines Screenshots, Gerätename, Anzeige eines internen Systems, Menüs, an denen Zugriffsrechte erkennbar sind. Diese Hinweise können direkter sein als der Inhalt selbst.
Beim Whistleblowing prüft man nicht nur den Text, sondern die gesamte Unterlage. Falls nötig, berät man sich mit Fachleuten oder einem vertrauenswürdigen Einreichungsziel und verringert Informationen, die zur hinweisgebenden Person zurückführen, bevor man damit arbeitet.
Öffentliche und nicht öffentliche Informationen trennen
Beim Whistleblowing muss nicht alles in die öffentliche Darstellung. Man trennt öffentliche Informationen, die breit bekannt gemacht werden sollen, von nicht öffentlichen Informationen, die für Untersuchung und Verifikation an vertrauenswürdige Stellen gehen.
In die öffentliche Darstellung gehören Überblick über das Problem, gesellschaftliche Auswirkungen, ein überprüfbarer Umfang und nötiger Hintergrund. Dagegen werden Details, die nur die hinweisgebende Person wissen konnte, konkrete Uhrzeiten, Bildschirme interner Systeme, Gespräche in kleinen Gruppen und der Beschaffungsweg der Unterlagen vor Veröffentlichung sorgfältig behandelt.
Art der Information
Umgang
Überblick über das Problem
Bereich ordnen, der veröffentlicht werden kann
Existenz von Beweisen
Falls nötig, nur Art der Beweise nennen
Konkrete Unterlagen
Auf vertrauenswürdige Einreichungsziele beschränken
Beschaffungsweg
Nicht veröffentlichen, weil er zurück zur hinweisgebenden Person führt
Gespräch in kleiner Runde
Granularität senken, weil es Kandidaten eingrenzt
Wenn diese Trennung fehlt, geraten in den Text, der etwas vermitteln soll, auch Informationen, die Hinweisgebende identifizieren. Beim Whistleblowing muss man zugleich korrekt vermitteln und die Herkunft schützen.
Zusammenfassung
Beim Whistleblowing kann die Person auch dann aus dem Inhalt erschlossen werden, wenn der Name verborgen ist.
Besprechungen, Abteilungen, Unterlagen, zeitliche Abläufe, Systeme, Einsatzorte und Schreibstil werden zu Hinweisen auf die Position der hinweisgebenden Person.
Wenn Inhalte zu stark verallgemeinert werden, verliert der Hinweis an Bedeutung.
Zu konkrete Informationen grenzen jedoch Kandidaten ein.
Wichtig ist, den Kern der Tatsachen zu erhalten und Details anzupassen, die zur hinweisgebenden Person zurückführen.
Verwandte Werkzeuge
Anonymous communication
Tor Project
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